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Aufsätze
Einige Aufsätze von Joseph Baur
Philosophische Aufsätze Philosophische Aufsätze von Joseph Baur
Die erkenntnistheoretische Prämisse aller Aussagen und Behauptungen
Man wird nicht bestreiten können, dass der Denkprozess eine Funktion hochentwickelter Materie ist. Jedenfalls setzt er das Vorhandensein des Gehirns, eines hochentwickelten Organs voraus.

Das Gehirn ist ein Ergebnis der im ewigen Prozess der Entwicklung befindlichen Materie. Das Gehirn des Menschen hat die Fähigkeit, sich seiner Außenwelt bewußt zu werden, sowie seiner eigenen Struktur und der eigenen Funktion. Es ist in der Lage, sich adäquate Abbilder dieser Sachverhalte zu machen, Abbilder der objektiven Realität. Diese Abbilder entstehen dadurch, dass die Materie Strukturen und Funktionen besitzt, in denen sich ihre einzelnen Sachverhalte unterscheiden. In der objektiven Realität, das heißt im vermeintlichen Chaos, gibt es innerhalb der Bewegungs- und Entwicklungssachverhalte zahlreiche gleichartige Vorgänge und relativ konstante Beziehungen allgemeinen Charakters, die sich quantifizieren und qualifizieren lassen. Die Einwirkung solcher äußerer Stereotype auf das Nervensystem (Information) führt dazu, dass sich im Hirn im Ergebnis der ständigen Wiederholung bestimmter Ketten von Nervenprozessen allmählich ein organisiertes und ausgeglichenes System bildet, ein dynamischer, innerer Stereotyp, der eine adäquate Abbildung des äußeren Stereotyps ist, jener beschriebenen, gleichartigen Vorgänge der Außenwelt (Klaus, Moderne Logik).

Auf diese Weise haben sich im Laufe von Generationen Erfahrungssachverhalte fixiert, die dazu führen, dass Lebewesen, insbesondere die Menschen zu logischem Denken in der Lage sind. Jedenfalls beim Menschen hat das logische Denken eine neurophysiologische Grundlage. Es wird eine Reihe von Denkmustern entwickelt, die bei der Anwendung von zwei Wahrheitswerten wahr und falsch allgemein gültigen Charakter haben. Diese Denkmuster sind:
  • die Tautologie,
  • die Alternative,
  • die Implikation,
  • die Äquivalenz,
  • die Konjunktion,
  • die Unverträglichkeit,
  • die Disjunktion und
  • die Kontradiktion
(siehe Tabelle von Klaus in Moderne Logik).

Dies ist die eine Seite der Entwicklung, die dazu geführt hat, dass alle Menschen in gleicher Weise logisch denken können (gesunder Menschenverstand). Diese Struktur ist die Struktur der Denkgesetze.

In ähnlicher Weise erkennt das menschliche Hirn die Gesetzmäßigkeiten materieller Sachverhalte in ihren Bewegungsgesetzen. Es erkennt Zahlen und geometrische Gebilde, die es aus der Wirklichkeit abstrahiert. In gleicher Weise arbeitet das Hirn, wenn es um Bilder der allgemeinen Bewußtseinserfahrung geht. Hier bilden sich im Einzelwesen konkrete Abbilder der Wirklichkeit. Diese werden als Stereotype aufgespeichert, kategorisiert, abstrahiert usw. Diese Abbilder bauen dann die Erfahrung des Einzelindividuums auf, die es in der Praxis durch trial und error überprüft und auf dem genetischen Weg und auf dem informatorischen Weg auf die Nachwelt oder die Umwelt ins kollektive Bewußtsein (Unterbewußtes, Unterbewußtsein) weitergibt (siehe Klaus a. a. O., C. G. Jung, das Ich und das Unterbewußte, K. Popper Naturgesetze und theoretische Systeme).

Aufgrund dieser Fähigkeiten unseres Hirns, oder besser, aufgrund unserer ganzkörperlichen Einheit, sind wir in die Gesellschaft der Menschen und Lebewesen und in die Gesamtorganisation des Seienden integriert. Wir sind in der Lage, Aussagen zu machen, über all das, was sich von der Außenwelt her in unserem Bewußtsein widerspiegelt. Unsere Gedanken haben die Eigenschaft von Aussagen. Diese Aussagen beziehen sich wiederum auf Aussagen über die adäquat aufgenommenen Dinge und Sachverhalte. Diese Dinge und Sachverhalte selbst erkennen wir nicht in ihrer wahren Realität, sondern nur aufgrund adäquater Abbildungen, oder besser, aufgrund der Eigenschaften dieser Abbildungen. Auf einer Hierarchie dieser Abbildungen ergeben sich verschiedene Stufen der Abstraktion. Es ergeben sich auf diese Weise Aussagen über konkrete Abbilder und geistige Sachverhalte (Abstraktionen, Systeme, Metasysteme usw.). Unsere Aussagen betreffen strenggenommen nur Eigenschaften und Eigenschaften von Eigenschaften. Eine Aussage über einen Sachverhalt, er mag auf einer beliebigen Ebene stehen, ist jeweils auf dieser Ebene wahr oder falsch. Die Aussage ist ein Abstraktionsprodukt, das aus einem Urteil entsteht. Diese Urteil erreichen wir durch Substitution eines Sachverhaltes unter eine uns bekannte und für wahr angenommene Theorie, die wir uns aus dynamischen Stereotypen, Archetypen und anderen Erfahrungsbildern gebildet haben und von der wir glauben, dass sie sich in der Praxis bewiesen habe (Karl Popper, Logik der Forschung).

Alles, was oben dargestellt wurde, ist das geistige Rüstzeug für jeden Vortrag eines Sachverhaltes. Das oben Vorgetragene könnte und müsste schlechthin das Vorwort bzw. die Einleitung für jedes wissenschaftliche Werk sein, also die erkenntnistheoretische Prämisse und das Handwerkszeug einer wissenschaftlichen Arbeit.

Aufsatz von Joseph X. Baur
Chaos und Erkenntnis
Uns Menschen kommt in unserer Welt die Rolle des Beobachters von Sachverhalten zu, über die wir Aussagen machen. Diese Aussagen sind nur Information über unsere Modelle, die wir uns von den Sachverhalten machen, nicht die unmittelbare Darstellung der Sachverhalte selbst. Wollten wir dies tun, so müssten wir zum Zwecke der Information den Sachverhalt identisch nachschaffen. In diesem Sinne verstanden, ist auch eine Fotografie nur ein Modell, auch wenn sie im gewissen Sinn den Sachverhalt (optisch) naturgetreu darstellt.

Unsere adäquaten Aussagen über die nicht darstellbare Realität (diese ist strenggenommen metaphysisch oder transzendent) bewerten wir nach kollektiven oder intersubjektiven Regeln oder Theorien, die der Struktur unseres Erkenntnisapparates entspringen und uns in die Lage versetzen, diese adäquaten Aussagen als wahr oder falsch zu qualifizieren. Diese Regeln und Theorien gehen auf unsere Fähigkeit zurück, Strukturen zu erkennen, aufgrund deren Erkenntnis wir vergleichend weitere Erkenntnis aufbauen. Dies (um mit den Worten Spinozas zu sprechen) nach einer axiomatisch-geometrischen Methode. Die Theorie von den Strukturen geben uns Logik und Mathematik, wobei erstere eine uns gewissermaßen angeborene Wissenschaft ist, letztere eine eher angelernte. Die Grundfigur des logischen Denkens mag die Alternative sein: Entweder-Oder, entstanden aus unserer geistigen Evolution, die als erstes die Wahrnehmung einer Sonderheit zum Inhalt hatte.

Geht man eine Frage nach den Sachverhalten analytisch an, d. h. vom Standpunkt gegenwärtiger Erfahrung ausgehend, dann ist die Frage nach der letzten Ursache ein ewiger Regreß. Es wird allerdings nicht immer auf die letzte Ursache ankommen. Vielmehr wird es, geht es um Ursachen, genügen, wenn die unmittelbare (jüngste) Ursache feststeht.

Geht man solche Fragen synthetisch an, dann genügt es in ähnlicher Weise, wenn man sich mit jüngeren Ursachen bei der Formulierung des Axiomalsatzes genügt.

Wer diese Problem dogmatisch lösen möchte, kann als letzte Ursache die Singularität des big bang sehen, vor dem die Naturgesetze offenbar nicht gegolten haben. Ob die Ursache des big bang Rumpelstilzchen oder Jehova hieß, ist eine ziemlich müßige Frage, weil wir über das Vorher der Singularität keine Aussage machen können.

Es steht von jeher die Frage im Raum, ob der Geist vor der Materie existierte oder die Materie vor dem Geist oder ob Materie und Geist einander bedingen. Nachdem wir nicht hinter die Singularität des big bang blicken können wird diese Frage fast zur unnützen Scheinfrage. Rumpelstilzchen oder Jehova werden wir wohl nie kennenlernen. Nach unseren analytischen (empirischen) Erkenntnissen war der big bang ein hochenergetischer Prozess, bei dem die Materie in Energieform und ohne Strukturen in Erscheinung trat. Strukturierte Materie, die Naturgesetze (z. B. die Gravitation und die Entropie) und die Information entstanden später. Man wird wohl davon ausgehen können, dass ohne materielle Strukturen keine Informationen möglich ist. Information und materielle Strukturen (kybernetische Systeme, dissipative Systeme und adaptive Systeme) sowie die wirkende Energie bedingen Geistigkeit.

Damit kann ohne materialistische Überheblichkeit gesagt werden: Jedenfalls seit dem big bang ist die Information eine Funktion von Energie und Materie. Die Struktur der Materie ist durch die Materie bedingt (oder ihr von Anfang an immanent). Die Struktur der Materie und Energieflüsse bedingen Information. Information und materielle Strukturen bedingen Geistigkeit.

Diese Aussage besagt im Klartext, dass die Materie vor dem Geist war und dass die Materie den Geist bedingt, es sei denn, das was wir Struktur der Materie nennen, ist der Geist (ein solches Wesen steht der traditionellen Vorstellung von einem allmächtigen Weltschöpfer nicht nach). Wird in diesem Sinne der materialistische Löwenruf relativiert, dann ergibt sich wohl die Aussage: Geist und Materie bedingen einander. Für diese Aussage steht dann die formallogische Figur der Äquivalenz: Sowohl — als auch.

Diese Aussagen, die unserer Logik, einer uns angeborenen Vereinfachung entsprechen und entspringen, müssen allerdings nicht unbedingt wahr sein, wenn es um die wirklich realen Dinge geht (die für uns metaphysisch und transzendent und praktisch außerhalb der Erfahrung sind). Ist die Quantentheorie mit ihrer Unschärferelation richtig und trifft es zu, dass es unendlich viele Arten von Atomteilchen gibt [GELLMANN], dann ist die mikroskopische Welt chaotisch. Dieses Chaos strahlt aber auf den Makrokosmos aus, was wir immer und überall erkennen können [GELLMANN S. 216,244,279,293].

Ist dem aber so, dann ist auch unser Geist nicht geordnet, sondern ebenfalls chaotisch, wofür vieles aus unserer Erfahrung spricht. Dann gilt freilich die Feststellung Karl Poppers in „Die Zielsetzungen der Erfahrungswissenschaft”, wenn er ausführt:
  1. Wenn das Bild der Welt, das die moderne Erfahrungswissenschaft entwirft, der Wahrheit irgendwie nahekommt, mit anderen Worten: Wenn wir irgendetwas wie erfahrungswissenschaftliche Erkenntnis besitzen, dann machen die Bedingungen, die fast überall im Universum herrschen, erfahrungswissenschaftliche Erkenntnis, das heißt die Entdeckung struktureller Gesetze von der Art, wie wir sie suchen, fast überall unmöglich. Denn fast alle Gebiete des Universums sind von chaotischer Strahlung erfüllt und fast alle übrigen Gebiete von Materie in ähnlich chaotischem Zustand.
Hier liegen in Wahrheit die Grenzen unserer Erkenntnis. Aber offenbar sind hier auch die Kräfte zu finden, die es unserem Geist möglich machen, wirkliche und wahre Strukturen zu erkennen. Durch die Fähigkeit rückkoppelnden Denkens sind wir in der Lage, unseren Geist und seine Umwelt in gewissen Grenzen zu sammeln, zu ordnen und zu konzentrieren. Buddha, Spinoza, Kant, Einstein und viele andere (unter ihnen auch Popper) geben uns den erfahrungswissenschaftlichen Beweis.

Aufsatz von Joseph X. Baur
Die Apokalypse in naturwissenschaftlicher und logischer Sicht
Der Profet der Apokalypse spricht vom Tier auf dem Lande und vom Tier aus dem Wasser, die zunächst beide die Erde beherrschen und von denen zunächst das Tier auf dem Lande zugrunde geht. Ferner ist die Rede von der Babylonischen Hure, die neben diesen Tieren eine weltbeherrschende Stellung in ihrer Käuflichkeit und Verkäuflichkeit einnimmt. Nach dem Siege des Wassertieres über das Landtier bleiben diese und die Babylonische Hure als Weltmächte übrig.

Die Vernichtung dieser beiden Weltbeherrscher-Systeme leitet die Beendigung des gegenwärtigen Systems der Dinge ein, das mit dem Ende Satans und dem Ende aller Menschen mit Ausnahme der 144.000 Heiligen sein Ende findet und einem neuen Weltsystem Platz macht, das der Weltschöpfer vollkommen neu entstehen lässt. Es findet keine Wiederauferstehung der Toten statt, sondern jene Menschen, die sich bewährt haben, entstehen neu im guten neuen Weltsystem. Der Weltschöpfer, der auf dem Wege von Trial und Error gelernt hat, schafft Besseres, was Welt und Menschen betrifft. Der Weltuntergang ist zunächst eine negative Singularität, etwa einem Schwarzen Loch vergleichbar, das den ganzen Kosmos aufnimmt und dann wieder einen neuen Kosmos als positive Singularität, wie bereits gehabt, entstehen lässt. Dies ist im Klartext das apokalyptische Geschehen, wie es der Profet sieht. Diese Sicht muss bei aller Redundanz der profetischen Schilderung nicht unbedingt eine schamanische Wichtigmacherei sein. Es kann sich hier tatsächlich um Informationsgehalte handeln, die im Unbewußten und im Unterbewußten (im Sinne von C. G. Jung) des Profeten lagern. Dies, wenn man will, vom Beginn der ersten Weltschöpfung an, bei deren Anlaß ja auch die ihn bildende informatorische Materie existierte. Daneben arbeitet sein logisches Bewußtsein, das seine Erfahrung wiedergibt und seine Erkenntnis.

Was der Weltschöpfer tun wird und wie sich die Singularität des Weltunterganges abspielt, wird der Profet wohl nicht bekunden können, denn er ist eben nicht persönlich und total der chaotische Weltschöpfer, den wohl keiner erfassen wird. Die Aussagen über die letzten Weltsysteme, Hure und Tier können aber durchaus wahre Prognosen sein, d. h. sie können anhand der bisher gemachten Erfahrungen, die der Profet mit den Naturgesetzen gemacht hat, verifizierbar und verifiziert sein. Diese Naturgesetze sind die Gesetze der komplexen Systeme, insbesondere der dissipativen Systeme, der Evolution und der Entropie.

Diesen Gesetzen entsprechend gibt es auf die Dauer keine zwei Weltherrscher, was auch Buddha in überzeugender Weise dargelegt hat. Der stärkere und besser entwickelte wird schließlich den schwächeren vernichten. So geschah es bis zur Erkenntnis des Profeten und so geschah es immer nach ihm. Wenn man die Dinge in groben Zügen sieht, dann besiegte Rom Carthago und besiegte der kapitalistische Westen den kommunistischen Osten. Oder wenn man so will, der Kapitalisten den Kommunismus. Würde man in der Sicht des Profeten unsere heutige Welt als die endzeitliche betrachten, so wäre das Tier aus dem Wasser eben das heute die ganze Welt beherrschende, kapitalistische System, das derzeit vorhandene höchstentwickeltste aller komplexen Systeme.

Aus der Sicht des Profeten, seiner unterbewußten und bewußten Erfahrung ist die Babylonische Hure der geistige Überbau jenes weltbeherrschenden materiellen, wirtschaftlichen und politischen Systems, das sich uns als der Weltkapitalismus darstellt. Die Babylonische Hure ist seine Kultur, seine Religion, seine Apologetik, kurz, sein geistiger Überbau. Interessant ist nun für uns, die wir den Versuch machen, den Profeten zu verifizieren, dass dieser geistige Überbau des jungen Systems Kapitalismus eine alte Bekannte ist, die der Profet kannte und die wir kennen, die dem Judentum so verhaßte Babylonische Religion der Lügenpriester und der Menschenopfer. Diese Religion der Käuflichkeit, die Gott selbst als ein käufliches Wesen betrachtet hat, hat sich weiterentwickelt. Sie erscheint uns jedenfalls seit Konstantin dem Großen und seinem zeitgenössischen, korrupten Papst als die christliche Kirche, als die christlichen Kirchen, insbesondere als die katholische Kirche. Die Babylonische Hure ist eine universelle, kosmopolitische Dame. Sie erscheint überall dort, wo eine Religion Priesterreligion ist und wo ihre Funktionäre mit den Mitteln der Religion ihre kaufmännische Geschäfte machen. Da machen der Islam, der Buddhismus und welche andere Religion auch immer, keine Ausnahme. Wo Pfaffen regieren ist die Religion die Hure der herrschenden, politischen Basissysteme (Pacelli und Hitler!).

Die Entwicklung zu unserem heutigen Basis-Überbausystem: Kapitalismusherrschende Religionen (insbesondere Katholizismus), war also dem Profeten im Genotyp und Phänotyp bekannt und so konnte er, ohne schamanische Tricks anwenden zu müssen, wahre Aussagen über die künftige Entwicklung treffen, indem er Sachverhalte der Vergangenheit und seiner Gegenwart adäquat und zutreffend bewertete.

Kapitalismus und Lügenreligionen sind also das aus seiner Sicht gesehene gegenwärtige System der Dinge. In ihrer stärksten und wirksamsten Form ist die Babylonische Hure heute, hier und jetzt die katholische Kirche. Man sehe sich den Woitila an; man erlebt die Hure optisch!

Das endzeitliche Tier und die Hure, seine Apologetin, erscheinen uns in unserer heutigen Welt als die beherrschenden, höchstentwickelten Systeme. Sie prägen dem Menschen unserer Zeit ihr Siegel auf und ihre Tugend: Käuflichkeit, Verlogenheit, Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit und Machtgier. Sie sind schließlich in ihrer unmenschlichen Haltung schlimmer als jenes jämmerliche Dritte Reich, das die Meinung vertrat, man könne die Weltprobleme dadurch lösen, dass man die Juden ausrottet. Die Juden waren keine Gefahr für die Welt. Ihre Ausrottung, so närrisch sie als Gedanke war, wäre aber auch keine Gefahr für die Welt, denn die Welt konnte auch ohne Römer, ohne Indianer und ohne Germanen weiterleben. Gefahr für die Welt aber ist die heutige vom Kapitalismus betriebene internationale industrielle Massenproduktion und Gefahr für die Welt ist die biologische Massenproduktion des Menschen. Um Geld verdienen zu können, um zu dissipatieren, um seine Umwelt auszubeuten, und um selbst existieren zu können, braucht der Kapitalismus die Massen der Konsumidioten. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, ob diese Massen verhungern, in verschmutzter Umwelt zugrundegehen oder in einer atomar verseuchten Welt zerstrahlen. Ihn stört es nicht im geringsten, dass mit den Menschen und durch die Menschen die Erde zerstört wird und sich alle, vom Profeten beschriebenen apokalyptischen Übel ganz genau und konkret darstellen. Die Hauptsache, die Kasse stimmt. Und, wie sieht es bei der Apologetin aus: Die Hauptsache, sie bleibt an der Macht, an der sie schon seit Babylonischen Zeiten sich befindet.

So opfern Kapital und Kirche den Menschen und seine Umwelt. Dies, um selbst als System dissipativ existieren zu können. Im Gegensatz zu Hitler gefährden sie nicht nur eine Rasse und den gewissen kleinen Ausschnitt der Ökologie. Sie gefährden durch ihre Machenschaften alles Leben auf diesem Planeten.





Der apokalyptische Profet glaubt, dass die Babylonische Hure und das satanische Tier noch vor der endgültigen Endzeit verschwinden. Ihr Verschwinden sieht er nicht einmal durch den heroischen Akt des siegenden Weltheilands gegeben. Hure und Tier werden nach seiner Sicht durch die Entwicklung beseitigt: Der Kapitalismus und seine Apologetik können als ein einheitliches System betrachtet werden mit Basis-Überbau-Koppelung.

Sie sind derzeit das weltbeherrschende, d. h. das scheinbar alle Systeme beherrschende System. Insofern sind sie als geschlossenes System zu betrachten, das, wie alle komplexen Systeme, dem Naturgesetz der Entropie unterliegt. Dies bedeutet, auch sie können nicht ewig leben. Bevor es zum Weltende kommt, verschwinden sie. Sind sie verschwunden und ist vor ihrem Verschwinden vom Leben auf dieser Welt, insbesondere von uns Menschen noch ein Rest übriggeblieben, dann bedarf es vielleicht keiner Neuschöpfung.

144.000 vernünftige Menschen würden ausreichen. Der Profet ist kein Spinner. Er ist ein Wissenschaftler.

Aufsatz von Joseph X. Baur
Das System Jehova; Mytos und Wirklichkeit
  1. Alle Religionen des Buches, Judentum, Christentum und Islam sind sich jedenfalls in der Aussage einig, dass die Texte des alten Testamentes Gottes Wort enthalten. Christentum und Islam sind sich darüber einig, dass auch das neue Testament das Wort Gottes enthält. Von einigen Zweigen ausgenommen, geht diese Meinung von den Hauptrichtungen ebenso aus, wie von den Sekten. Auch die Freimaurerei, die sich nicht als christliche Sekte, sondern als wissenschaftlich arbeitende Bruderschaft versteht, erklärt die Bibel zu den drei großen Lichtern (Grundlagen) der Freimaurerei gehörend. Die Bibel selbst versteht sich als die Offenbarung Gottes, der sich (in der Bibel) den Namen Jehova zulegt. Wenn nun die Bibel inhaltlich wahre Aussagen über Gott bringt und nicht nur Mythos, dann muss Jehova als existent aufgefaßt werden. Gott zu beweisen, ist wohl nach den allgemeinen wissenschaftlichen Regeln nicht möglich, wie Kant in der Kritik der reinen Vernunft wohl zur Genüge bewiesen hat.

    Er hat sich jedoch mit der Bibel und ihrem Gott nicht im modernen systemkritischen Sinne auseinandergesetzt. Und so könnte es doch (aus anderen, bisher nicht eingehend untersuchten Gründen) möglich sein, dass der biblische Gott nicht nur als Mythos und Abbild, sondern als materielles oder als ideelles System Realität besitzt, wie es eben die drei Religionen behaupten.

    Um von Haus aus nicht in Geisterseherei zu verfallen, geht die vorliegende Darstellung nicht vom idealistischen Standpunkt aus, der die axiomatische Behauptung aufstellt, Sprache, Wort und Idee seien das Primäre und die Materie sei nur eine Funktion dieses Geistigen. Die vorliegende Abhandlung vertritt den Standpunkt, dass die Materie und die materiellen Systeme das Primäre sind und dass das Geistige, die sich selbst erkennenden materiellen Systeme, eine Funktion der Materie ist. Danach existieren primär die materiellen Systeme und sekundär ihre Abbilder, die Metasysteme. Dabei sei zugegeben, dass wir, jedenfalls nach unserem bisherigen Erkenntnisvermögen, eigentlich nur die Wirklichkeit in ihren Abbildern erkennen. Diese sind für uns real, wohingegen die materia prima für uns transzendent ist. Ob wir es wollen oder nicht: Über die Materie, den Ursprung aller Dinge, können wir keine Aussagen machen. Wo wir über sie Aussagen machen, machen wir uns nur Abbilder. Das System Jehova, wie es uns die Bibel darstellt, ist entweder Abbild; dann aber ist es nicht der absolute Gott. Oder aber, das System Jehova ist transzendent, wie es die materiellen Systeme sind. Ist dem so, so können wir, selbst wenn wir wollten, uns von Gott kein Abbild machen. Der biblische Gott, d. h. Jehova, hat dies zu tun überdies im 2.Gebet des Dekalog verboten. Dieses Verbot ist überzeugend. Es verbietet uns, unsinniges zu tun und damit ist es wohl recht vernünftig, einerlei, ob es nun von Gott stammt oder ob es die Erfindung eines Profeten ist.

    Wer dem bisher vorgetragenen gefolgt ist, wird erkennen, dass Gott, sofern er die Ursache alles Seienden ist, nicht auf der Metaebene seine Existenz und seine Ursache hat, sondern auf der transzendenten Ebene der materiellen Systeme. Von diesen materiellen Systemen können wir aussagen, dass sie Struktur und Funktion besitzen. Weiterhin kann man aussagen, dass sie, weil sie eben Struktur und Funktion besitzen, die Eigenschaft der Information und der Rückkoppelung haben. Irgendwann einmal, vielleicht schon von Anfang an, hat die materia prima Geist, d. h. Denken und Fühlen, hat sie Persönlichkeit besessen. Dies erlaubt den Schluß, dass auf dem transzendenten Gebiet, d. h. auf dem Gebiet, wo der Ursprung aller Dinge (=Gott) steht, ein persönliches Wesen ist, dem Denken zukommt. Dies wohl von Anfang an.

    Wir können nun soviel von Gott aussagen, dass er transzendent ist, dass der wohl Materie und Geist ist, dass er rückkoppelnd informativ ist und ein persönliches Wesen ist. Über die Qualität und die Quantität seiner materiellen und geistigen Kräfte können wir sehr wenig aussagen. Wir wissen nicht, ob er von Anfang an allwissend ist, oder ob er ein lernendes System ist, ob er statisch oder ein prozessualer Vorgang ist. Unterstellen wir aber einmal, er sei der Ursprung aller Dinge, der einfachsten und der kompliziertesten, dann müssen wir wohl nach unserem Verständnis, Gott als ein (prozessuales) Kontinuum von Zeit und Raum, von Materie und Geist, von Rückkoppelung und Information, kurz als Kontinuum aller denkbaren Dimensionen erfassen. Dies vorausgesetzt, können wir die Aussage als zulässig erachten, dass Gott der Inbegriff sämtlicher materiellen und ideellen Systeme ist, das System aller Systeme. So gesehen ist er nicht nur Hebräer-Mythos, sondern materialistische Wirklichkeit.

    Sieht man die Gottes- oder Göttervorstellungen in ihrer geschichtlichen Entwicklung, dann wird man feststellen müssen, dass es eigentlich nur die Hebräer waren, die einen Gottesbegriff erarbeiten konnten, der einem kritischen wissenschaftlichen Denken standhält. Platon und Spinoza haben diesen Gottesbegriff verifiziert, so gut es ging. Alle anderen Gottes- und Göttervorstellungen gehen nicht auf die materialistische Substanz. Sie bleiben an abbildhaften und an idealistischen Vorstellungen hängen, denen überall kindlich naives Denken anhaftet. So konnte es kommen, dass manche Götter nach den Vorstellungen ihrer Gläubigen, Tier- und Menschenopfer verlangten. Menschenopfer waren den Hebräern, jedenfalls seit Abraham ein Greuel. Je mehr sich das hebräische Gottesbild von dem ursprünglich sumerischen abnabelte, desto weniger spielte der Opfergedanke eine Rolle.

    Nach den Vorstellungen der gereiften jüdischen Religion, nach den Vorstellungen des Christentum und des Islam, verlangt Jehova weder Speise-, noch Trank-, noch Tier-, noch Menschenopfer. Er verlangt vielmehr, dass der ihm dienende Mensch, ein gesittetes Leben in der menschlichen Gesellschaft führt, dass er das Sittengesetz einhält. In diesem Sinne wird (etwas gnostisch-idealistisch) der Kreuzestod Christi, der ein schicksalhaftes Unglück eines zufälliger Weise bedeutenden Menschen war, christlicherseits als das letzte Opfer betrachtet. In seinem Selbstverständnis hat Christus dies wohl nicht so gesehen. Gleich dem Abraham und dem Moses und anderen Propheten erkannte Jesus, dass dann, wenn es ein höchstes Wesen geben sollte, dieses Wesen zwangsläufig der Postulant des Sittengesetzes sein muss. Ein solches Wesen ist dann sicherlich nicht darauf angewiesen, dass ihm Trank- und Speiseopfer, Tier-, Pflanzen- und Menschenopfer erbracht werden müssen.

    Dies sind die biblischen Aussagen über Gott Jehova. Wenn man diese Aussagen, und nur sie sind wesentlich, zusammenfaßt und logisch und vernunftsmäßig auswertet, dann ist Jehova keine mystische Figur, kein Hebräer-Mythos (im Verständnis von Schopenhauer), sondern ein im Wesentlichen verifiziertes und im gewissen Sinne von uns Menschen verstandenes materielles und ideelles System. Wir können auf dieses System alle Physik und Psyche zurückführen und, dem Moses und seinem Dekalog sei es gedankt, die Strukturen eines brauchbaren Gesetzes, das menschliches Zusammenleben ermöglicht, ein ethisches Konzept, das sich im Laufe der Geschichte (als solches) neben anderen ähnlichen ethischen Konzepten, durchaus in der Praxis (sogar in der Feudalzeit und im Kapitalismus) bewährt hat. Judentum, Christentum und Islam bekunden also eine brauchbare Darstellung der Wahrheit auf der Metaebene durch das relativ wirkliche System Jehova. 1
  2. Jehova, der Gott der Bibel, ist, im oben beschriebenen systemtheoretischen Sinne verstanden, eine wissenschaftliche Wahrheit, eine Wahrheit, wie es Atome, Elektronen, Protonen, Neutronen, Quarks usw. sind. Er ist, ob verboten oder nicht, ein brauchbares Abbild materieller und geistiger Wirklichkeit. Dies, sowohl für den Wissenschaftler, als auch für den Mönch, der, der nach höchster Selbstfindung trachtet, als auch für den Börsenjuden, der zu ihm am Sabath um Spekulationsgewinn betet. Schließlich lässt sich das System Jehova im einem christlichen oder moslemischen Klassen- oder Feudalstaat sehr gut und brauchbar für die Interessen der Herrschenden verwenden. Der Theologe Calvin hat Jehova sehr nahe in die begriffliche Gemeinschaft mit dem vorchristlichen Gott Mammon gebracht. Genau so, wie man die Physik für den Bau der Atombombe verwenden kann, kann man das Jehova-Bild für die ausbeuterischen Zwecke der katholischen Kirche, calvinistischer Kaufleute und Sklavenhalter und des heutigen, durchaus frommen Spätkapitalismus verwenden. Ethische Ordnungsprinzipien eignen sich immer für Zwecke herrschender Klassen. Jehova, der Herr der Welten, hat jedenfalls den Jesus Christus und den Thomas Münzer, die beide glaubten, er müsse auf ihre Gebete und ihre lauteren sozialen Ziele hin einschreiten, bitter enttäuscht. Beide starben nicht als Sieger, sieht man die Dinge von ihren Intentionen her. Es bedarf da schon eines großen Quantums an Glauben und Hoffnung, will man als Christ oder Moslem (die Juden sind realistischer) einen gütigen und barmherzigen Gott realisiert wissen. 2

    Indessen kann man das System Jehova in noch stärkerem Maße materialistisch verifizieren, als dies oben versucht worden ist. Dies geschieht dann, wenn man von der Theorie der morphischen Felder ausgeht. Diese Theorie wird sehr überzeugend von Rupert Sheldrake in seinen Büchern „das schöpferische Universum” und [GEDNAT] darstellt.





    Ausgangspunkt ist die Morphische Einheit, nach Sheldrake: Eine Einheit der Form oder Organisation, z. B. Atom, Molekül, Kristall, Zelle, Pflanze, Tier, Muster instinktiven Verhaltens, soziale Gruppen, Element der Kultur, Ökosystem, Planet, Planetensystem, Galaxis. Morphische Einheiten sind zu geschachtelten Hierarchien von Einheiten in Einheiten organisiert. Ein Kristall enthält Moleküle und diese wiederum enthalten Atome; die Atome enthalten Elektronen und Kerne, die Kerne Kernteilchen und die Kernteilchen Quarks.

    Unter morphischen Feld versteht man (gleich und analog einem Kraftfeld der Physik) ein Feld in und um eine morphische Einheit, das deren charakteristische Strukturen und Aktivitätsmuster organisiert. Morphische Felder liegen der Form und dem Verhalten von Holons oder morphischen Einheiten auf allen Ebenen der Komplexität zugrunde. Der Begriff „morphisches Feld” bezieht sich nicht nur auf morphogenetische Felder im engeren Sinne, sondern auch auf Verhaltensfelder, soziale Felder, kulturelle Felder und mentale Felder. Morphische Felder werden durch morphische Resonanz mit früheren morphischen Einheiten einer ähnlichen Art (die demzufolge unter dem Einfluß ähnlicher morphischer Felder standen) geformt und stabilisiert. Sie enthalten daher eine Art kumulative Erinnerung und haben eine Tendenz zu fortschreitender Habituisierung.

    Unter „morphische Resonanz” versteht man den Einfluß, den vergangene Aktivitätsstrukturen auf spätere, von morphischen Feldern organisierte Aktivitätsstrukturen ähnlicher Art ausüben. Aufgrund von morphischer Resonanz können formative Kausaleinflüsse über Raum und Zeit wirken. Sie können nur aus der Vergangenheit kommen, und ihre Wirkung verringert sich nicht mit wachsender räumlicher oder zeitlicher Entfernung. Je größer die Ähnlichkeit, desto stärker der Einfluß der morphischen Resonanz. In der Regel besteht eine große Ähnlichkeit zwischen einer morphischen Einheit und ihren eigenen vergangenen Zuständen, so dass sie in Rosonanz mit ihrer Vergangenheit steht.





    In diesem Sinne verstanden könnte das System Jehova als unser Bild betrachtet werden, das wir uns von der Gesamtheit 3 des Seienden, uns inbegriffen, machen: Das Feld aller denkbaren Felder, dem wir selbst mit unserem materiellen und ideellen Sein angehören. Hierbei mag es gleichgültig sein, ob das Gesamtholon uns geschaffen hat, oder ob wir zum Gesamtholon beigetragen haben. 4

    So verstanden könnte das Gesamtholon ein schöpferisches Feld nach dem Verständnis und der Definition von Sheldrake sein. Solche schöpferischen Felder existieren in der Realität. Ihnen kommen folgende Eigenschaften zu:
    1. Sie sind selbstorganisierende Ganzheiten.
    2. Sie haben sowohl einen räumlichen als auch einen zeitlichen Aspekt und organisieren (schaffen!) räumlich-zeitliche Muster von rhytmischer Aktivität.
    3. Durch Anziehung führen sie das unter ihrem Einfluß stehende System zu bestimmten Formen und Aktivitätsmustern hin, deren Entstehen sie organisieren und deren Stabilität sie aufrechterhalten. Die End- oder Zielpunkte, auf welche die Entwicklung unter dem Einfluß der morphischen Felder zusteuert, werden Attraktoren genannt.
    4. Sie verflechten und koordinieren die morphischen Einheiten oder Holons, die in ihnen liegen, und auch diese sind wiederum Ganzheiten mit eigenen morphischen Feldern. Die morphischen Felder verschiedener Grade oder Ebenen sind ineinander verschachtelt, sie bilden eine Holarchie. 5
    5. Aufgrund der Quanteneigenschaft der materiellen Bausteine (Heisenbergsche Unschärferelation) sind sie Wahrscheinlichkeitsstrukturen und ihr organisierender Einfluß besitzt Wahrscheinlichkeitscharakter.
    6. Sie enthalten ein Gedächtnis, das durch Eigenresonanz einer morphischen Einheit mit ihrer eigenen Vergangenheit oder durch Resonanz mit den morphischen Feldern aller früheren Systeme ähnlicher Art gegeben ist. Dieses Gedächtnis ist kumulativ. Je häufiger ein bestimmtes Aktivitätsmuster sich wiederholt, desto mehr wird es zur Gewohnheit oder zum Habitus. 6
    Diese Prämissen vorausgesetzt, könnte der Mensch (Abraham) einen Schöpfer (Jehova) aus den früheren Strukturen (Baal) geschaffen haben. Trotzdem wäre der in der Materie immanente Schöpfergeist von Anfang an.

    Damit ist der Beweis geführt, dass das System Jehova Wirklichkeit ist und nicht nur Judenmythos.

    Wenn die Freimaurerei die Bibel als eines ihrer drei großen Lichter sieht und sie das Buch des heiligen Gesetzes nennt, so ist dies keine gedankliche Spielerei oder eine Konzession an die herrschende christliche Lehre. Diese Aussage hat, wie wir vielleicht anhand des oben vorgetragenen erkennen konnten, ihre wissenschaftliche und von der Vernunft getragene Berechtigung.
Aufsatz von Joseph X. Baur
Wissenschaftlichkeit, Aberglaube und Leugnung
– Eine Rechtfertigung des dialektischen Materialismus –

Die fundamentalen Naturgesetze sind den Prinzipien der Quantenmechanik unterworfen. Das Universum besteht aus Materie, die sich ihrerseits in vielen verschiedenen Arten von Elementarteilchen, etwa Elektronen und Photonen zusammensetzt. Diese Teilchen besitzen keine Individualität. Jedes Elektron im Universum ist mit allen anderen Elektronen identisch. Alle Photonen lassen sich gegeneinander austauschen. Allerdings kann jedes Teilchen einen Quantenzustand aus einer unendlichen Zahl von Quantenzuständen besetzen. [GELLMANN S. 189]

Nach neuesten Erkenntnissen gibt es eine große Vielzahl von Elementarteilchen. Man kann sich sogar auf den Standpunkt stellen, dass diese Vielzahl ins Unendliche geht. Aber nur eine endliche Anzahl besitzt eine so geringe Masse, dass man sie experimentell nachweisen kann. [GELLMANN S. 197]

In ihrer Gesamtheit stellen die Elementarteilchen, aus denen sich die Materie aufbaut, ein „Chaos” dar. Dieses Chaos bedingt die quantenmechanische Natur des Seienden. Dies bedeutet, dass alles Seiende nur im beschränkten Umfange genau determiniert ist. In seinem Wesen ist also das All (jedenfalls für unser Erkenntnisvermögen) nicht deterministisch. Dies bedeutet, dass das Kausalgesetz nicht uneingeschränkt gilt, sondern eher die Ausnahme ist. Dies wiederum bringt den Umstand mit sich, dass wir uns aus den fundamentalen Gesetzen der Quantenmechanik uns wohl kaum eine umfassende Theorie bilden können. [GELLMANN S. 200]

Das Chaos-Phänomen bringt Situationen hervor, in denen die kleinste Ungenauigkeit bei der Bestimmung der Ausgangsorte oder Impulse zu beliebig großen Unbestimmtheiten bei künftigen Prognosen führen kann. [GELLMANN S. 387] Aus diesem Grunde können wir nur einen winzigen Bruchteil der vorhandenen Informationen über das Universum aufnehmen. Ein weiteres Hindernis stellen unser unzureichendes Verständnis und unsere Unfähigkeit dar, genaue Berechnungen anzustellen.

Da man nichts mit absoluter Genauigkeit messen und bestimmen kann, verursacht das Chaos über die prinzipielle quantenmechanische Unbestimmtheit hinaus effektive Unbestimmtheit auch auf der Ebene der klassischen Physik (im Bereich von Geschwindigkeiten, die unter der Lichtgeschwindigkeit liegen). Hier erweist sich das Chaos als ein Mechanismus, der die Unbestimmtheit der Quantenmechanik dergestalt verstärkt, dass sie auf makroskopischer Ebene durchschlägt. Dieses Chaos gebiert aber die Ordnung. Diese beginnt mit dem sogenannten „big bang”, der Singularität der Weltentstehung. Mit diesem Zustand beginnen alle geltenden Naturgesetze. Die Naturwissenschaft ist in der Lage, Aussagen zu machen über Gesetzmäßigkeiten nach diesem Ergebnis. Sie ist aber nicht in der Lage, darüber Aussagen zu machen, was vorher war. Jener Zustand nachher ist das uns bekannte expandierende Universum in seiner uns bekannten Materialität. Aus ihm leiten wir mit den Mitteln der von uns entwickelten Wissenschaften die Naturgesetze her. Hier arbeiten wir insbesondere mit den Mitteln der Kosmologie und der Elementarteilchenphysik, die so zu den fundamentalen Wissenschaften werden. Neben ihnen befaßt sich die angewandte Mathematik mit der Erforschung der Strukturen, wie sie in der Natur und in der naturwissenschaftlichen Theorie auftreten. Die reine Mathematik befaßt sich sodann mit jenen Strukturen, die auftreten können, d. h. logisch und mathematisch möglich sind.

Die Gesetze der Elementarteilchenphysik gelten im gesamten Universum für die Materie unabhängig von den jeweils herrschenden Bedingungen. [GELLMANN S. 176] Daraus ist ehrlicherweise zu folgern, dass auch das Leben grundsätzlich auf den physikalischen und chemischen Gesetzen beruht. Erkennt man dies, dann muss ein nüchterner Wissenschaftler zwangsläufig Materialist sein. Um aber die biologischen Phänomene auf der Erde zu beschreiben, bedarf es über diese physikalischen und chemischen Gesetze hinaus einer ungeheuren Fülle spezifischer Zusatzinformationen über die Zustände zwischen Ordnung und Unordnung. Diese Zustände kennzeichnen nicht nur die Umwelt, in der Leben entstehen kann, sondern auch das Leben selbst mit seiner ungeheuren Komplexität.

Die fundamentale Physik erscheint unter den Gesichtspunkten von Einfachheit und Komplexität. [GELLMANN S. 52] Ein Beispiel für die Einfachheit ist das Gravitationsgesetz. Das Phänomen der Gravitation führte im Verlauf der physikalischen Entwicklung des Universums zur Konzentration der Materie in Galaxien, Sterne und Planeten, zu denen auch unsere Erde gehört, mit allem, was auf ihr ist. Die so entwickelten Körper zeichneten sich von Anfang an durch Komplexität, Diversität und Individualität aus. Im Zuge dieser Entwicklung kommt es zur Bildung materieller Systeme, die nicht nur komplex sind, sondern kybernetisch und adaptiv. Komplexe adaptive Systeme sind in der Lage Informationen über ihre Umwelt und ihre eigene Wechselwirkung mit dieser Umwelt aufzunehmen. Zu diesen Fähigkeiten gehört auch das Erkennen der eigenen Innenwelt, der eigenen Struktur und Funktion usw. Die Systeme erkennen Regelmäßigkeiten in diesen Informationen. Diese verdichten sie zu einem Schema oder Modell und handeln in der realen Welt gemäß diesem Schema. Das bedeutet, dass alle lebenden Systeme, von den primitivsten Lebensformen bis zum Menschen und der menschlichen Gesellschaft und ihren Metasystemen, hochentwickelte adaptive Systeme sind.

Die Fähigkeit, aus Erfahrung zu lernen, ist ein Produkt der biologischen Evolution. Dies gilt für die einfachste Mikrobe ebenso, wie für alle Pflanzen, Tiere und Menschen.

Darüber hinaus brachte die Evolution nicht nur die Lernfähigkeit hervor, sondern auch andere komplexe Systeme, wie das Immunsystem der Säugetiere. Komplexe adaptive Systeme neigen vielfach dazu, weitere Systeme ihrer Art hervorzubringen. Gell-Mann bringt auf Seite 57 seines bedeutenden Werkes eine aufschlussreiche zeichnerische Darstellung dieser Entwicklung, die sich als Verzweigung darstellt.







Präbiotische Evolution
  • Biologische Evolution (Organismen und Ökosysteme)
  • Immunsystem der Säugetiere
  • Individuelles Lernen und Denken
    • Kulturelle Entwicklung des Menschen mit Weitergabe erlernter Information zwischen Individuen und von Generation zu Generation
      • Entwicklung von Organisationen und Gesellschaften
      • Entwicklung von Wirtschaftssystemen, einschließlich der Weltwirtschaft
      • Entwicklung von Strategien und Rechnern
    • Kulturelle Entwicklung bei anderen Spezies
    • Entwicklung schlechthin
In dieser Entwicklung betrachtet, erweisen sich der Mensch und auch der Menschengeist als Materie und durch die Materie bedingte Information, die nichts anderes als Funktion der Materie ist, ferner als Funktion der Information.

Der Mensch und die Menschheit sind also ein lernendes System, das in der Lage versetzt ist, die richtigen Strukturen seiner materiellen Umwelt zu erkennen, wie u.a. die fundamentalen Gesetze der Quantenmechanik, das Entstehen der Individualität durch sie (und die Entropie), den Verlauf der physikalischen Entwicklung des Universums, der sich im Einklang mit diesen Gesetzen vollzieht und über den ganzen Kosmos verstreut individuelle Objekte entstehen lässt. Als lernendes System kann der Mensch und kann die Menschheit erkennen, wie sich bei der Entwicklung dieser individuellen Systeme entwickeln, die adaptiv sind und denen er gleicht. Die Welt erkennend, gelangt der Mensch und gelangt die Menschheit lernend, und wohl in einem ewigen Lernprozess stehend, zur Welt- und Selbsterkenntnis.

Auf diese Weise ist der Mensch in der Lage, sich geistige Modelle der materiellen Systeme zu schaffen, d. h. Theorien zu bilden u.a. über Struktur und Funktion dieser Systeme. Der Mensch ist auf diese Weise in der Lage, das Wesen der Evolution zu erkennen und zu erkennen, wie Menschen entstanden sind, ihre Kulturen, ihre Sprache, ihr Brauchtum, ihre Religionen usw. Dieser geistige Überbau der Theorien, Bilder, Vorstellungen und Modelle (Marx) kann alleine oder im Komplex mit anderen adaptiven Systemen seinerseits wieder als adaptives System gesehen werden (Metasystem). Auf dieser Ebene ist jede Definition der Komplexität zwangsläufig textabhängig und subjektiv. [GELLMANN S. 72f]

Dieser Umstand bringt es dann mit sich, dass wir uns in der Lage befinden, geistige Systeme zu schaffen, die nicht logisch sind, die insbesondere mit der Natur und ihrer „Wahrheit” nichts zu tun haben und damit nicht in der Lage sind, Aussagen über die Natur zu machen. Solche Systeme (z. B. Märchen, Mythen, Romane, Kunstwerke u.ä.) sind sehr interessant, dürfen aber nicht als Aussage über die Natur und die materielle Welt um uns und in uns und vor allem nicht als „ewige Wahrheiten” betrachtet werden. Geschieht dies, so kann dies zu sehr verhängnisvollen individuellen und gesellschaftlichen Entwicklungen führen (Kastenwesen, Rassismus, religiöse Intoleranz, falsche gesellschaftliche Ideologien u.ä.). Dort, wo sich der Mensch selbst belügt, geht er in die Irre.

Diese Überlegungen lassen uns erkennen, dass sich, vereinfachend ausgedrückt, folgende Denkmuster ergeben können:
  1. Modelle, die die objektiven Sachverhalte adäquat und wahrheitsgemäß wiedergeben, d. h. vorhandene Strukturen zutreffend darstellen (wissenschaftliche Modelle)
  2. Modelle, die falsche, nicht bestehende Strukturen, als gegeben annehmen (Irrtum und Aberglaube)
  3. Modelle, die bewußt vorhandene Strukturen leugnen (Leugnung) [GELLMANN S. 386ff]
Wenn wir die Geschichte der Menschheit verfolgen, so fällt uns auf, dass sie oft jahrhundertelang nicht in der Lage war, rational und wissenschaftlich ihre Welt und ihre Situation in dieser Welt zu erkennen (streng genommen, bisher überhaupt noch nicht, von Leuten wie Spinoza und Kant einmal abgesehen).

So war die Menschheit bislang nicht in der Lage, auf Grund von Wissenschaftlichkeit und Rationalität ein Moralsystem zu entwickeln. Hier haben sich vielmehr der Aberglaube in Form sämtlicher Religionen und der Terror, in Form sämtlicher Rechtssysteme, als die probaten Mittel für eine gesittete Gesellschaft erwiesen. Ohne die Angst vor der Hölle oder die Angst vor Einbußen an Freiheit, Leben und Eigentum (ohne den Aberglauben und Terror) gab es bislang keine Moral und keine Gesittung. Ein typisches Beispiel sind die kommunistischen Gesellschaften. Man wollte wissenschaftlich sein und verzichtete auf den Popen und verachtete den religiösen Aberglauben. Es dauerte nicht lange und man mußte an seiner Stelle den GPU-Schergen einsetzen, der, gesittetes menschliches Verhalten, Staatstreue und Systemtreue mit den Mitteln des Terrors zu erzwingen hatte.

Es mag Geschmackssache sein, ob man das geistige Terrorsystem der katholischen Kirche, das auf Aberglauben beruht, oder das „wissenschaftliche” Moralsystem des Josef Stalin, den staatlichen Terror als das „bessere” ansieht. Gut sind sie beide nicht und mit der wissenschaftlichen Wahrheit haben sie beide nichts zu tun. Aber, was ist die Alternative? Unser sogenanntes freiheitliches bürgerliches System arbeitet gewissermaßen mit beiden Mitteln, einerseits mit dem Aberglauben und den traditionellen Religionen, andererseits mit dem Mittel des Terrors, die man oft stolz (und verbohrt) oder zynisch „Rechtsstaat” nennt.

Der Vorschlag des Wissenschaftlers Gell-Mann [GELLMANN S. 391], ein brauchbares Äquivalent für den Aberglauben zu finden, ist des Nachdenkens wert. Gell-Mann schlägt vor, das Ritual, gewissermaßen die formale Seite der abergläubischen Inhalte, als künstlerisches und gesellschaftliches Erlebnis anstelle der abergläubischen Inhalte zu setzen und auf diese Weise moralische Wertvorstellungen zu prägen, gewissermaßen eine „rituelle Sittlichkeit”. Dieser Gedanke ist immerhin eine Sache, die in der Freimaurerei nicht neu ist und von ihr seit Jahrhunderten praktiziert und im gewissen Sinne sogar verifiziert wird.

Dieses Ritualerlebnis mag dem einen oder anderen viel geben, dem anderen gibt es wenig oder nichts. M. E. bringt es in der Massengesellschaft nicht das brauchbare Ergebnis des religiösen Aberglaubens.

Dieser scheint offenbar seine entwicklungsbiologische oder entwicklungspsychologische Rechtfertigung zu haben, etwa im Sinne einer „Prägung des Instinktes”. Vielleicht ist es nicht falsch, wenn man die Himmels- und die Höllenhunde aus diesem Grunde „wissenschaftliche real” sein lässt, etwa im Sinne einer „psychologischen Wahrheit” nach C. G. Jung.

Übler als der Aberglaube ist der Menschheit die Leugnung bekommen. Durch die Leugnung kam sie um die Chance der Höherentwicklung durch eine durchaus machbare sozialistische oder kommunistische Gesellschaft im Sinne von Hegel, Marx und Ernst Bloch.

Josef Stalin hat es abgelehnt, in der Sowjetunion der kybernetischen Forschung jene Bedeutung beizumessen, die ihr der Westen entgegengebracht hat. Dies war der Grund des Untergangs der Sowjetunion im „kalten Krieg”. Sie wurde vom Westen mit den Waffen der Kybernetik und Informatik besiegt.

Ähnlich war es mit dem Glauben der Sowjetideologen an die ausschließliche Richtigkeit ihrer Form von Planwirtschaft. Man leugnete die einleuchtenden Vorteile einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft, die in der Praxis nicht unbedingt in der Form des doktrinären westlichen Kapitalismus hätte sein müssen. Dieses Leugnen hatte zur Folge die Entropie der Volkswirtschaft des Ostblocks, der sich gewissermaßen als geschlossenes System ohne „Energie- und Informationszufuhr” durch seine eigene Struktur vernichtete. Auch der undifferenzierte Glaube der sowjetischen Politiker an die Allmacht der Technik und der Atomtechnik führte zur schonungslosen Ausbeutung der Resourcen, zur ökologischen Vernichtung großer Landstriche und zur Katastrophe von Tschernobyl.

Georg Klaus, der große Philosoph des Marxismus, hatte einmal behauptet, es gebe gesellschaftliche Systeme, die zwar denkbar, aber nicht praktikabel seien. Er nannte als Beispiel das System der Wiedertäufer in Münster. Er nahm an, dass das sowjetische Wirtschafts- und Staatssystem, das Gegenteil eines solchen Systems sei. Wie die Entwicklung bewiesen hat, unterlag auch er, der bedeutende Kybernetiker, Wissenschaftler und Philosoph dem Aberglauben von der Richtigkeit und Überlegenheit des sowjetischen Wirtschaftssystems, der Ideologie des dogmatisierten Marxismus. Daraus kann man ersehen, dass auch Wissenschaft zum Aberglauben werden kann. Der Marxismus und der dialektische Materialismus sind wissenschaftliche und offene Denksysteme, die alles andere sind als abergläubisch, leugnend und dogmatisch.

Sie sind von der Lehre her bereit und in der Lage, bisher eingenommene und durch die Entwicklung falsifizierte Standpunkte aufzugeben. Genau betrachtet ist die Lehre von den adaptiven Systemen und die moderne Chaostheorie, wie sie uns von Gell-Mann und Prigogine vermittelt werden, modifizierter dialektischer Materialismus. Bleibt man hier wissenschaftlich und undogmatisch, so werden auf diesem Wege keine entscheidenden Fehler gemacht werden.

Es steht aber die große Frage an, ob das sogenannte freie westliche kapitalistische System, das sich derzeit als das herrschende Weltsystem darstellt, nicht auch auf Aberglauben, Leugnung und Dogmatik aufgebaut ist und aus diesem Grunde in absehbarer Zeit dasselbe Schicksal haben wird, wie das Sowjetimperium. Vieles spricht dafür, dass dies so geschehen wird. Wenn man bedenkt, dass sich dieses System mit der Zeit zu einem geschlossenen Machtsystem entwickelt, muss man auch hier den entropischen Kollaps in Erwägung ziehen, denn der 2. Hauptsatz der Thermodynamik, das Gesetz der Entropie gilt universell. Seine Leugnung und die Leugnung ökologischer Erkenntnisse durch die Politiker und Apologeten des Kapitalismus werden zum Untergang dieses „apokalyptischen Tieres” führen. Es ist zu hoffen, dass nur das „apokalyptische Tier” der Vernichtung durch Gottes Kraft (die rückkoppelnde Natur) anheimfällt und nicht die Menschheit, die (derzeit) leugnend und abergläubisch diesem Tier und den „Priestern des Aberglaubens” 7 mehr oder weniger blindlings folgt und deren „Wahrheiten” kritiklos nachbetet.

Aufsatz von Joseph X. Baur