Einführung
Warum überhaupt Faustregeln?
Hat man die Wahl zwischen mehreren möglichen Zügen und ist sich nicht sicher, welcher Zug der bessere ist,
dann dienen Faustregeln als Entscheidungshilfe.
Aufgrund der extrem vielen Zugmöglichkeiten im Schachspiel ist es schwer, starke Züge zu finden.
Die negative Auswirkung eines schwachen Zuges wird einem meist viel zu spät bewusst.
Genau aus diesem Grunde hält man sich, besonders im Blitzschach, an bekannte Faustregeln,
in der Hoffnung, keine total schwachen Züge mehr zu tätigen.
:−)
Vorteile
Mit einer Faustregel
- … kann man im Vorfeld grobe Fehler ausschließen.
- …spart man Bedenkzeit.
Doch Vorsicht!
Faustregeln sind nicht allgemeingültig, auch wenn sie diesen Anschein erregen mögen.
Einer Faustregeln darf man nicht blindlings vertrauen,
es hängt immer von der jeweiligen Spielsituation ab, ob eine Faustregel befolgt werden kann oder nicht.
- „Was nützt mir eine Faustregel, wenn ich im nächsten Zug matt bin?”
Eröffnung
Faustregeln fürs
Eröffnungspiel
sind nützlich, wenn die Theorie fehlt,
d. h. wenn man mit einer ungewöhnlichen Eröffnung überrascht wird.
Bleib bei deiner Lieblingseröffnung!
Wenn Sie gegen einen Schachspieler antreten, der Ihr Eröffnungsrepertoire kennt,
dann sollten Sie sich nicht zu einer Eröffnung hinreißen lassen, mit der Sie kaum Erfahrung gesammelt haben,
sondern vielmehr Ihre Lieblingseröffnung verfeinern und ausbauen,
diese dann anwenden und dabei lernen!
Nicht zweimal in der Eröffnung!
Eine Figur
(mit Ausnahme des Bauern)
sollte im Eröffnungsspiel, also solange man nicht entwickelt ist, kein zweites Mal gezogen werden.
Dabei würde man nur an Tempo verlieren!
Genau das passiert zum Beispiel beim
Mittelgambit.
Wenn man einen Offizier platziert, sollte man dem Gegner nicht die Möglichkeit bieten,
durch Bedrohung
(Verscheuchen)
des frisch Platzierten sich eleganter entwickeln zu können.
Im Gambitspiel den Materialvorteil nicht zwanghaft retten!
Empfehlung für Schwarz: Auch wenn Schwarz einen Materialvorteil im Gambitspiel erhält,
sollte der Spieler neben einer soliden Entwicklung wieder einen Materialausgleich in Kauf nehmen.
Wichtig ist nur, dass es zum Materialausgleich so spät wie möglich kommt!
In
[KALLAI S. 63]
heißt es eleganter:
- „Ein Gambit soll nicht mit einem Gegengambit beantwortet werden, sondern man muss das Opfer annehmen und im gegebenen Moment zurückgeben.”
Spiele unbekannte Varianten!
Echte Schachspieler finden Lösungen zu einer Stellung direkt am Brett.
Es geht nicht darum irgendwelche Eröffnungen auswendig herunterzuspielen,
sondern darum, eine richtige Lösung in einer komplizierten Stellung zu finden.
Deshalb macht es für Sie mehr Sinn, eher abseits von der Theorie, wenig erforschte Eröffnungsvarianten zu spielen,
vergleiche
[RUSSENLEHREN S. 24].
Endspiel
Faustregeln fürs
Endspiel
sind besonders für Einsteiger interessant:
„Jetzt habe ich es endlich einmal ins Endspiel geschafft und weiß nicht mehr weiter.”
:−(
Denke ans Tempo!
Das Ziel lautet hier: Dem Gegner immer einen Zug voraus zu sein.
Selten kann ein Tempoverlust kompensiert werden, das gilt insbesondere fürs Endspiel.
Hat man sich für eine Idee entschieden, geht es nicht nur darum, diese Idee umzusetzen,
sondern auch darum, aus alternativen Umsetzungsmöglichkeiten, diejenige auszuwählen, bei der der Gegner an Tempo verliert.
Häufig bedeutet im Endspiel ein an den Rand oder ins Eck gedrängter König Tempoverlust.
Remisstellungen remisieren!
Dies ist vielmehr eine Erinnerung als eine Faustregel.
Nicht selten verliert derjenige, der ein Remisangebot ablehnt.
Beispielsweise blieben dem seinerzeit besten britischen Schachamateur Henry Edward Bird große Turniererfolge versagt,
weil er Remisangebote kategorisch ablehnte.
Der auf Sieg erpichte Spieler muss sich bei remisverdächtigen Stellungen stets von Neuem besinnen,
ob er noch gewinnen kann oder nicht.
Optimistische Spekulationen —
„Der Gegner könnte ja noch kapitale Fehler machen”
— sind zwar erlaubt,
jedoch meist nicht sehr realistisch.
Diese Erinnerung soll aber nicht dazu auffordern, jedes Remisangebot blindlings anzunehmen,
denn ein solches wird nicht immer aufgrund einer
Remisstellung
gemacht.
Häufig ergeben sich Remisstellungen erst im Endspiel,
deshalb sollte man im Endspiel eher dazu neigen, Remisangebote anzunehmen, als im Mittelspiel oder gar in der Eröffnung
— nur Großmeister remisieren bereits in der Eröffnung.
Zentrum
Faustregeln fürs Zentrum sind besonders im
Mittelspiel
wichtig.
Beherrsche das Zentrum!
Dies bedeutet, dass im Eröffnungsspiel die Kontrolle mittels Bauern und anderer Leichtfiguren über das Zentrum des
Spielfeldes gewonnen werden sollte,
besonderes über das zentrale Quadrat
(d4, d5, e4 und e5).
Hat man das Zentrum für sich gewonnen, ohne dabei größere Verluste erlitten zu haben, kann man auch leichter Druck
auf seinen Gegner ausüben.
Im Zweifelsfalle in Richtung Zentrum schlagen!
Diese Empfehlung geht einher mit der Faustregel:
Beherrsche das Zentrum!
Gar nicht so selten kommt es vor, dass zwei Bauern ein und dieselbe Figur schlagen können
— schlagen kann jedoch nur einer!
Oftmals empfiehlt es sich, in Richtung Zentrum zu schlagen.
Würde man jedoch dadurch einen Randbauern alleine stehen lassen, sollte man eher nicht nach dieser Empfehlung handeln.
Schlage zum Zentrum hin! (Weiß am Zug)
Bauer
Mit den Bauern macht man am meisten falsch.
Manche behaupten sogar, dass Schach ein Bauernspiel ist
— bitte nicht falsch verstehen, kein Spiel für Bauern!
:−)
Vermeide Doppelbauern!
Im Endspiel ist es besonders wichtig, eine gute Bauernstruktur
(ein Bauer deckt den anderen)
zu haben.
So müssen die im Endspiel wertvoll gewordenen Bauern weniger von Offizieren gedeckt werden,
da sie sich untereinander decken.
Sind Doppelbauern im Spiel, bekommt die Bauernstruktur zwangsläufig Löcher und
manche Bauern stehen somit einfach ungedeckt herum.
Deshalb sollten Doppelbauern nach Möglichkeit vermieden werden.
Weiß hat einen Doppelbauern (Schwarz hingegen nicht)
Manchmal werden auch Mattsituationen herbeigeführt,
nur weil der Vordere der Doppelbauern seinen Nachstehenden am Vormarsch hindert.
Der f−Bauer verteidigt am besten, wenn er stehen bleibt!
Der
f−Bauer
sollte nur vom Angreifenden zum Angriff gespielt werden.
Wer den
f−Bauern
zur Verteidigung zieht, bietet dem Gegner auf lange Sicht gute Angriffschancen.
Ein gutes Beispiel dazu sehen Sie unter
Hecht−Schiffer.
König
Für den König
— von ihm hängt alles ab —
gibt es auch sinnvolle Faustregeln.
Der Wanderkönig wird matt!
Beschützen Sie Ihren König rechtzeitig vor lebensbedrohlichen Situationen, sodass er nicht fliehen muss, vergleiche
[RICHTER−TESCHNER S. 13].
Dies bedeutet, dass man den eigenen König so wenig wie möglich ziehen sollte
— besonders wenn er noch nicht rochiert hat.
Dennoch sollte man ihn rochieren lassen
(das mag er nämlich)!
Ist die Dame auf dem Brett, muss der König in sein Bett!
Dieses Sprichwort ist in unseren Reihen entstanden.
Wenn sich die gegnerische Dame noch auf dem Spielfeld befinden sollte,
ist es ratsam, rechtzeitig zu rochieren oder sich zumindest die Option einer Rochade offen zu halten.
Das Bett des Königs ist in diesem Falle die
Rochade−Stellung.
Wird allerdings die Dame frühzeitig abgetauscht, kann die Rochade vernachlässigt werden,
denn die schlimmste Gefahr ist dann vom Brett.
Gestatte dem Gegner kein Abzugsschach!
Diese Empfehlung ist uralt. Sie wurde bereits um 940 von den arabischen Schachmeistern As-Suli und Al-Lajlaj niedergeschrieben.
[BESSERSCHACH S. 15]
Durch ein Abzugsschach erhält der Gegner immens hohes Angriffspotenzial, dem man wahrlich aus dem Wege gehen sollte
— so viel Zeit muss sein.
Denn ein klug eingesetztes Abzugsschach endet nicht selten mit einem erfolgreichen Mattangriff.
Pferd
Mit dem Pferd hat man oft Probleme, die eigentlich nicht nötig gewesen wären, hätte man gewisse Faustregeln beachtet.
Pferd am Rand bringt Kummer und Schand!
Der Springer, der Offizier mit der geringsten Reichweite, kann am Rand oder im Eck des Schachbrettes wenig Einfluss ausüben.
Manchmal blockiert ein zentral stehender Läufer das Pferd am Rand total, d. h. das Pferd kann nur auf ein vom Läufer bedrohtes Feld ziehen.
Wenn nun der Springer gefangen ist, möchte man ihn befreien. Man kann auch warten, bis der Läufer sich von alleine davon macht.
:−)
Blockierung des Springers (Pferd im Schwitzkasten durch Läufer!)
Auch mit dem Turm kann der Springer schön im Abseits gehalten werden!
Blockierung des Springers (Pferd im Schwitzkasten durch Turm!)
Es gibt durchaus auch Situationen, in denen das Pferd am Rand starke Vorteile bringt.
Jedoch kann sich in einem Spiel das Blatt wenden, der Wind dreht sich, die Schlacht verlagert sich an den anderen Rand des Spielfeldes
— und das Pferd ist nicht unmittelbar zur Stelle.
Pferde scheucht man nicht grundlos!
In einer ausgeglichenen Spielsituation mangelt es manchmal an Ideen
— an guten
Ideen.
Schwache Züge, die wenig mit dem eigentlichen Spielgeschehen zu tun haben, sind oftmals das Resultat,
wie z. B. Randbauer um eins vor, der sogenannte Verlegenheitszug.
{Ein scheinbarer Verlegenheitszug, der erst im späteren Spielverlauf seine wahre Kraft offenbart, ist ein sogenannter stiller Zug.}
Gefährlicher ist jedoch der saloppe Gedanke:
„Dann bedroh' ich halt einfach das Pferd.”
Springer haben die Eigenart, immer wenn sie vertrieben werden, sich meist auf eine noch unangenehmere Position zu retten.
Sonstiges
Und jetzt das Spiel vereinfachen!
Diese Aussage hört man meist ungern vom Gegner, wenn dieser einen Materialvorteil errungen hat.
Denn dann will der Gegner die Figuren schnell abtauschen, d. h. ein komplexes Spiel schnell ins Endspiel überleiten,
um zum Beispiel mit einem Mehrbauern die Partie zu gewinnen.
Man soll nicht abtauschen, wenn man keinen klaren Vorteil hat!
Diese Regel betrifft den Angreifenden, denn mit einem Abtausch stehen weniger Figuren auf dem Brett
— und mit weniger Figuren schwinden die Chancen immer mehr, ein nahezu ausgeglichenes Spiel zu gewinnen.
Der Verteidigende sollte hingegen eher viel abtauschen oder gar zum Abtausch gleichwertiger Figuren provozieren.
Der Gegner sieht mindestens das, was du siehst!
Einige Schachspieler haben die Schwäche, ihren Gegner zu unterschätzen.
Selbstverständlich kommt es vor, dass der Gegner Fehler macht.
Trotzdem kann man nicht darauf setzen, dass er einen falschen Zug tätigt und den richtigen übersieht.
Dazu ein Szenario:
- Ein Zug könnte die Drohung
„Matt in 5 Zügen”
aufbauen,
- pariert der Gegner jedoch richtig, gewinnt der Gegner!
Gemäß dieser Faustregel sollte man sich dann doch für einen anderen Zug entscheiden
— vorausgesetzt man sieht das alles.
:−)
Info
[KALLAI] Gábor Kállai: Buch der Eröffnungen, CAISSA Chess Books, 1996. Es wird wahrscheinlich für Spieler mit Elo-Punktzahlen zwischen 1700 und 2300 am nützlichsten sein ...
[RUSSENLEHREN]
Juri Awerbach, Mark Taimanow, Alexander Kotow, Paul Keres, Michail Tal u. a.: Die Russen lehren Schach, Edition Olms AG, 1998, ISBN 3−283−00350−5. 24 Lektionen - zusammengestellt von German Friedstein
[RICHTER−TESCHNER]
Kurt Richter, Rudolf Teschner: Schacheröffnungen, Walter de Gruyter & Co., 5. Auflage, 1970. Der kleine Bilguer
[BESSERSCHACH] Wolf Michael: So spielt man besser Schach, Buch und Zeit Verlagsgesellschaft mbH Köln, 1983. Vom klugen Eröffnungszug zum Matt