Der unangenehme Zug!
Im Idealfall
{Die meisten Schachbücher gehen vom Idealfall aus, d. h. in der Theorie, besonders in der Eröffnungstheorie, geht man vom idealen Schachspieler aus, der alle Fehler und Fallen kennt.}
sollte man den besten Zug zur aktuellen Spielsituation machen.
Ein Zug sollte also
abhängig von der gegenwärtigen Stellung
sein
– egal welche Züge zuvor getätigt wurden,
egal mit welchem Gegner man es zu tun hat
(egal wie die gegenwärtige Eröffnung namentlich bezeichnet wird).
Allerdings gibt es in der
Schachpsychologie
auch Überlegungen, die Spielzüge zusätzlich auch vom Gegner abhängig zu machen.
Dann geht es nämlich darum, den Kontrahenten richtig einzuschätzen und ihn dementsprechend zu demotivieren:
In diesem Fall sind oftmals die
unangenehmsten Züge
die besten
– auch wenn sie theoretisch gesehen eher schlechter sind.
Schon nach ein paar Zügen in der Eröffnung kann man sich ein grobes Bild von der Spielweise des Gegners machen:
Ist diese eher ängstlich oder aggressiv?
Unangenehm ist
es für manchen Spieler,
wenn der gegenwärtige Plan vereitelt wird,
wenn der Spieler zum Umdenken gezwungen ist
und wenn wichtige Figuren einfach abgetauscht werden.
Manch anderer Spieler empfindet es als unangenehm, wenn das Spiel in eine Art Stillstand
(remisverdächtige Situation)
gerät.
Viele Spieler wollen zum Beispiel die Entstehung von Doppelbauern um jeden Preis verhindern,
wohingegen es auch Spieler gibt, denen ein Doppelbauer überhaupt nichts ausmacht.
Eine zerstörte Rochade-Stellung zum Beispiel löst bei manchem Ängste aus,
welche sogar Schachblindheit verursachen können.
Die Idee, psychologisch unangenehme Züge zu machen, soll aber nicht dazu verleiten, absichtlich schlecht zu spielen,
sondern gegebenenfalls freche oder neckische Züge dem soliden Zug vorzuziehen.
„Lasker versuchte psychologisch zu spielen.
Er wollte den Gegner verwirren, seine Schwächen erkunden und ausnutzen,
”statt des besten Zuges oft lieber den unangenehmsten Zug finden.
[SCHACHSTRAT S. 8]

Es ist schon erstaunlich, dass Lasker mit seinem psychologischen Spiel seinen Weltmeistertitel 27 Jahre lang erfolgreich verteidigte.
Während es Spieler gibt, denen man Fehlerzüge direkt ansehen kann, ohne auch nur zu wissen, welchen Zug sie ausführten,
gibt es hingegen auch unerschütterliche, emotionslose Spieler,
die sich einfach von nichts und niemandem einschüchtern oder beunruhigen lassen,
also psychologisch unlesbare Spieler.
Vielleicht gehören Sie zu diesem Schlag von Spielern oder müssen Sie Ihr Pokerface äh Schachface dahingehend noch verbessern?
:−)
Drohung vs. Abtausch
Nicht selten kommt es in einer Partie vor, dass Gegner erleichtert Steine abtauschen,
um sich Platz zu verschaffen, und damit die Spielsituation vereinfachen
– der Druck ist weg.
Der Gegner hat neue Chancen und sein Gegenspiel kommt leichter zustande.
Wenn man eine gute Drohung wie zum Beispiel eine Schachdrohung,
ein bevorstehendes Doppelschach oder eine verlockende Abtauschmöglichkeit aufgebaut hat,
sollte man sich diese Drohung als Option aufrechterhalten,
wenn man an anderer Stelle den Druck auf den Gegner verstärken kann.
- Eine Drohung ist oft viel gefährlicher als die Ausführung selbst.
Einen Abtausch der Steine, welche den Gegner schwitzen lassen,
sollte man nach Möglichkeit mit weiteren Drohungen aus dem Wege gehen
und nicht etwa selbst den Abtausch durchführen.
Mit jedem Abtausch schwinden die mannigfaltigen Möglichkeiten, die Partie zu gewinnen, immer mehr.
Mit einem Abtausch nimmt man und mit einer Drohung gibt man dem Spiel Spannung und Schärfe.
Scheinopfer & Doppelschach
… können als
taktische Basiselemente
bezeichnet werden
– zur Taktik gehört schon etwas mehr als bloßes Opfern oder ein Doppelschach zu geben.
Wichtig ist eben ein
Angriffsplan,
den der Gegner hoffentlich erst erkennt, wenn es zu spät ist.
Findet man keinen Angriffsplan,
sollte man auf strategische Vorteile setzen.
Beispielsweise kann ein bevorstehendes Doppelschach als Druckmittel gebraucht werden,
wohingegen ein Scheinopfer nur mit einem schlüssigen Angriff sinnvoll ist.
Ein richtig freches
Doppelschach inklusive Damenopfer
finden Sie unter
Réti−Tartakower.
Das Kombinationsmotiv von Réti während dieser Partie wird als
„Rétis Matt”
bezeichnet, vergleiche
[SCHACHLEX].
Das Scheinopfer
Wenn ein erfahrener Spieler eine Figur opfert, hat er bestimmt einen Plan, der ihm einen Vorteil verschaffen kann.
Vielleicht gewinnt der opfernde Spieler schließlich die Dame
(Materialvorteil),
oder er kann daraufhin ein Matt erzwingen
(Stellungsvorteil).
Der Opfernde sollte aber die Durchführbarkeit seines Angriffs gut durchgerechnet haben
– denn wenn sein Plan nicht funktioniert, steht er mit einer Figur weniger da.
Das Doppelschach
Ein Schachgebot kann der Verteidiger damit beantworten, dass er mit dem König zieht, die Schach bietende Figur schlägt
oder den König mit einer eigenen Figur deckt. Bei einem Doppelschach kann jedoch nur noch der König des Verteidigers ziehen.
Es dürfen sogar die beiden Schach bietenden Figuren hängen, ohne dabei an Kraft zu verlieren.
„Ein Doppelschach kann den feindlichen König auch in ein tödliches Mattnetz hineinreißen
– und dies sogar in der Eröffnung.”
[MATTANGRIFF S. 25]
Vorsicht Falle!
Verlockende Angebote sind in einer Partie keine Seltenheit.
Ähnlich wie im echten Leben, benötigt eine Schachfalle ebenfalls ein
Lockmittel.
Beispielsweise üben scheinbar ungedeckte Figuren auf den Spieler immer den Reiz aus, Schlagen zu müssen
(Scheinopfer).
Im folgenden Diagramm stellt sich Weiß sicherlich die Frage, ob der ungedeckte
a−Bauer
geschlagen werden kann.
Beispiel einer Falle (Weiß am Zug)
Auf
Lxa7
folgt
b6
und der Läufer bzw. die Partie ist verloren.
Versuchen Sie doch selbst bewusst Fallen zu stellen,
um gewisse Ziele wie einen erfolgreichen Mattangriff oder einen Damengewinn durch Verlockung zu erreichen.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Karl Baur